Einfach…

…Und sehr nachdenklich stimmend.

Außerhalb Arusha packt mich immer der Frieden.

Aber außerhalb Arushas herrscht auch unfassbar viel Armut, welche man sich manchmal gar nicht recht vorstellen kann, wenn man irgendwo gemütlich auf der Couch sitzt.

Ein besonderer Tag hat uns nach Monduli in ein Massai Dorf gebracht. Julius, der ein landwirtschaftliches Projekt verantwortet, hat uns mitgenommen. Er unterrichtet Massai im Anbau von Gemüse und besucht eine der Burmas (Familie) regelmäßig, um sicher zu stellen, dass das beigebrachte auch umgesetzt wird. Zunächst mal galt es Überzeugungsarbeit zu leisten, dass die Massai überhaupt „Grünes“ anbauen. Warum sollten sie etwas anpflanzen und essen, was man den Kühen geben würde (!!!).

Auf dem Weg zum Dorf haben wir das Auto noch vollgepackt mit Wasser, Bananen und Jacken für die Kinder. Die Regenzeit steht kurz vor der Tür und die meisten Kinder haben keine angemessene Kleidung, laufen aber oft eine Stunde in die Schule. Oder eine Stunde zum Wasserholen. Oder hüten Kühe und Ziegen. Also bringen wir Jacken. Julius ist gegen Essen, was man nicht sofort vertilgt, da die Mütter und Väter es den Kindern wegessen würden.

Dann sind wir da. Die Kinder kommen sofort aufgeregt angerannt. Angst haben sie nicht. Julius ist ein regelmäßiger Besucher und daher sind die Kinder auch offen für uns. Schmutzige Patschehände, Fliegen in den Augen, abgerissene Kleidung – aber ein Strahlen in den Augen und ein großes Lächeln in den meisten der kleinen Gesichtern. Aber auch ein Mädchen, was traurig schaut. Sie erzählt Julius, dass sie verheiratet wird. Der Brautpreis ist bereits bezahlt. Sie ist 6 Jahre alt (!) und es bricht mir das Herz, wenn ich mir überlege, was für ein Leben sie führen wird. Verheiratet sein heißt hier, dass die Mädchen dann nicht mehr in die Schule gehen dürfen. Sie werfen den Haushalt und alles, was noch so zu einer Ehe hier gehört. Mit 6 Jahren. Ich denke an Zuhause. An die kleinen Mädels und Jungs von meinen Freunden in der Heimat. Mit 6 Jahren heiraten, Tiere hüten, Haushalt führen?! Ich habe einen Kloß im Hals und halte das Mädchen an der Hand. Mit 6 Jahren sollte man noch spielen dürfen!

Dann treffen wir die Frauen, welche hier gemeinsam mit den Kindern in der Burma leben, während die Männer tagsüber unterwegs sind um (im besten Fall) einer Arbeit nach zu gehen. Manchmal auch, um Kühe und Ziegen in den nächsten Ort zu bringen und zu verkaufen (und viel zu oft auf dem Rückweg ihr verdientes Geld in Bier und Cognac investieren).

Mit den Frauen lebt Joseph. Er ist vor fast 20 Jahren von einem Baum gefallen. Seitdem ist er gelähmt. Bis vor kurzem konnte er noch in einem Rollstuhl sitzen, doch nun bereitet ihm das Sitzen zu viele Schmerzen. Er liegt in Mitten des Dorfes unterm Baum und unterhält sich fast fließend auf Englisch mit mir. Er ist als Priester ausgebildet worden, damals. Es ist lange her. Physiotherapie? Irgendeine andere Unterstützung? Fehlanzeige. Dafür freut er sich wie ein kleines Kind, weil er auf meinem Smartphone Bilder anschauen kann. Er findet meine Freunde und mich im Schnee… und staunt! Und ich staune über ihn. Ich weiß nicht, ob ich nach 20 Jahren herumliegen nicht einfach aufgegeben hätte. Ich weiß nicht, ob mir immer noch ein Lächeln über die Lippen kommen würde in Anbetracht des Lebens, welches ich führe.

Tage wie dieser, werden gerade sehr viel mehr. Nicht mehr in Neema Village, sondern draußen in den Dörfern unterwegs zu sein wirft mich Tag für Tag in Leben, die so anders sind als die Unseren.

Kein sauberes oder gar kein Wasser, keine vernünftige medizinische Versorgung und Mädchen, die mit 6 Jahren bereits jemandem versprochen werden.

Ich treffe aber, wie in den letzten Tagen, auch das Massaioberhaupt Jacobo, der Werbung für Bildung macht und seine Kinder in die Schule schickt und seiner Frau Computerkurse, Nähen und ein Hühnerbusiness ermöglicht. Der seine Familienangehörigen anhält, deren Kinder ebenfalls in die Schule zu schicken. Ich komme nun schon seit über 3 Jahren von Zeit zu Zeit hierher und ich kann sehen, wie sich dieses Dorf verändert hat. Dort sind „weiße Menschen“, die das Kapital gebracht haben, doch letztendlich ist er es, der seine Leute davon überzeugt, etwas zu verändern.

Und wenn Menschen zu Hause mich bewundern, kann ich nur sagen, dass ich diese Bewunderung gar nicht verdiene. Am Ende eines Tages oder eines Wochenendes komme ich immer in ein schönes und sicheres Zuhause zurück.

Aber wach rütteln möchte ich.  Denn so ein Dorfbesuch führt mir so klar vor Augen wie verschieden unsere Welten sind. Und ich sehe, dass wir, zwar mit kleinen Minischritten, gemeinsam Veränderungen schaffen können.  Ich möchte so gerne mehr Jacobos sehen, die sich in ihren Dörfern für Frauen, Kinder, Bildung und so viel mehr einsetzen.

Ich möchte beim Besuch eines Dorfes nicht die Augen nach den kleinen Mädchen aufhalten müssen, die bereits verheiratet sind, obwohl sie dafür noch viel zu jung sind.

Nachdenkliche Grüße

Eure Mariya

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Einfach…“

  1. Ich finde es so spannend bei dir zu lesen und auch wenn du sagst du hast die Bewunderung nicht verdient, finde ich es dennoch toll, dass du dort bist, um zu helfen. Damit bist du schon so viel besser, als viele andere. Auch als ich, die das hier gerade im warmen Badewasser gelesen und geschrieben hat und gerade beinahe ein schlechtes Gewissen bekommt… Es ist für uns so weit weg und schwer vorstellbar, wie schwer es viele viele Menschen auf diesem Planeten noch haben. Umso wichtiger ist es, dass es Menschen wie dich gibt, die darauf aufmerksam machen und offen und ehrlich und ohne Nachrichtenschranke dazwischen darüber berichten. Danke für deine Beiträge und mach weiter so!

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    1. Danke schön! Ich möchte kein schlechtes Gewissen machen, aber ich merke natürlich an den Reaktionen meiner Freunde/Leser, dass da was passiert. Und trotzdem ist es völlig ok, dass man sich über den normalen Alltagswahnsinn trotzdem aufregt. Wir leben, wo wir leben und wo immer das ist, wird uns ein Rhythmus auferlegt. Und das ist gut so. Aber wach rütteln möchte ich. Menschen sollen wissen, dass es Teile auf der Erde gibt, in denen viele Dinge, die Zuhause selbstverständlich sind überhaupt nicht vorhanden ist. Und das man diese Dinge von Zeit zu Zeit auch ganz bewusst genießen sollte. Im warmen Badewasser zu liegen zum Beispiel 🙂 Ein Traum!

      Ganz liebe Grüße

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