Mama Iddi…

…oder der Wunsch nach einem Hauch von Zuhause mit zuckersüßem zitronigen Schwarztee.

Als ich klein war und auch später noch gab es von meiner Mama sehr oft zuckersüßen Tee mit Zitrone zum Frühstück und auch einfach dann, wenn es uns Kindern nicht so gut ging.

Bis heute ist mir das geblieben. Ob Erkältung, Liebeskummer oder einfach das Bedürfnis nach Geborgenheit – ich brühe mir eine Tasse Tee auf, packe Zitrone dazu und Zucker. Viel Zucker 😊 und in Gedanken bin ich sofort zurück in der Zeit.

Heute, hier in Arusha, ist es das erste Mal seit meiner Ankunft letzten Oktober, soweit. Ich habe den Tee auf meinem Bürotisch stehen und denke an Zuhause.

Es ist Regenzeit. Mit „nur 23°“ und waren Wasserfluten eine wirklich oft sehr ungemütliche Zeit. Doch vielmehr unter die Haut ging mir der heutige Besuch bei Mama Iddi. Mama Iddi ist eine 63 Jahre alte Witwe, deren Tochter vor zwei Monaten ihr 10 Jahre altes behindertes Mädchen einfach bei der Oma abgegeben hat und nicht wiederabgeholt hat. Schon viele traurige Szenen habe ich hier erlebt. Ob dann der Regen und die dadurch grau in graue Umgebung den Ausschlag gegeben hat oder das Zuhause von Mama Iddi, was aussieht, als wenn es jederzeit einfach einstürzen könnte – die Sehnsucht nach einer süßen Tasse Tee (am liebsten mit meiner Mutter am Tisch sitzend) ist riesig gewesen.

Es gibt hier in Afrika Schicksale, die uns in Deutschland nicht begegnen. Mir zumindest nicht begegnet sind. Weil es ein soziales Netz gibt, Pflegeeinrichtungen für behinderte Kinder, Krankenversicherung, Arbeitslosenhilfe. Niemand muss so wohnen, wie es hier nicht selten sogar „normal“ ist. Und „normal“ für Mama Iddi heute heißt, in der Regenzeit ein undichtes Dach über dem Kopf zu haben; feucht, dunkel und einsturzgefährdet. Und nicht genug Geld um dieses Kind, welches ihre Tochter einfach da gelassen hat zu ernähren. Keine Einrichtungen, in denen sie sich Unterstützung holen könnte. Nichts von all dem, was bei uns ganz selbstverständlich ist.

Sie kann sich heute, im Gegensatz zu mir, nach einer heißen Dusche nicht ins gemütlich warme Büro setzen und heißen, süßen Tee trinken.

Weder Mama Iddi noch ich haben die Spielkarten auf unserer Hand selber gezogen. Sie ist hier in Tansania gelandet, ich in Deutschland. Keine von uns hat sich dieses Leben verdient gehabt. Sie nicht und ich auch nicht. Und daher genieße ich meinen heißen zuckersüßen Tee – wohlwissend, dass es keine Selbstverständlichkeit ist, das hier tun zu können.

Herzliche Grüße und eine zuckersüße Umarmung.

Eure Mariya

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